Nach Andalusien

Das Verlassen von Valencia gestaltete sich als recht einfach. Bis El Cabecol ging es an der Küste entlang. Einige Rennradler nutzten die kleine Straße ebenfalls und so wurde ich immer wieder mit einem fröhlichen „Bon dia“ überholt. Ab jetzt werde ich das Meer erst wieder kurz vor Malaga sehen. Meine Strecke sollte mich durch das Hinterland über Xativa entlang am Stausee Riu Albaida nördlich von Murcia vorbei und von hinten, über Baza nach Granada führen. Die Region war landwirtschaftlich geprägt. Es gab viel Wein, Orangen und Unmengen an Mandelbäume. Es war zwar schon etwas spät in der Saison, aber ich konnte mich immer noch recht gut durchfuttern. Die Orangen waren prima, Mandeln oft schon abgeerntet aber es hingen noch genug. Wobei es mir aber um die Arbeit des Öffnen war. Hin und wieder fand ich sogar noch frische Feigen, die ebenfalls sehr lecker waren.
Für einen Übernachtungsplatz musste ich ein wenig suchen, denn jeder Quadratmeter wurde für die Landwirtschaft genutzt. Ein ruhiges Flusstal, ein Waldstück oder zur Not am Rande eines Olivenhains, fand sich aber immer etwas.
Hinter Ontinyent gab es eine herrliche Strecke nach Villena. Nach dem Pass kamen weite Flächen mit Weinreben und interessanterweise viele Unternehmen im Kunststoff verarbeitenden Gewerbe. In den Dörfer roch es ständig nach Plastik. Eine etwas seltsame Mischung in der ansonsten trockenen Gegend.
Es war der 09. Oktober und ein großer Feiertag in Spanien. An diesem Tag wurde an die Befreiung der muslimischen Herrschaft im Jahr 1238 gedacht. Es hatte wirklich alles geschlossen, selbst viele Tankstellen hatten am heutigen Tag Pause. So musste ich von meinen, ausgerechnet an diesem Tag wenigen Vorräten vorlieb nehmen. Aber ich fand das Ein oder Andere noch auf den Feldern und dank dem „Kühlschrank“ verhungerte ich nicht. Trotzdem war es ein Diättag, ;).
Vor Abanilla schlängelte sich die Straße entlang des ausgetrockneten Rio Chicamo. Die vom Wind geprägten Sandtürme mit kleinen Schluchten dazwischen ergaben eine bizarre und gerade in den Abend- bzw. Morgenstunden, anmutende Landschaft. In manchen Orten wurden komplette Häuser in den Sandstein geschlagen und man sah lediglich die Eingangstüren. Diese schön anzusehende Umgebung, in der vorwiegend Mandeln und Oliven angebaut wurden, verlief bis Locra. Eine sehenswerte kleine Stadt, die das Erdbeben von 2011 wohl recht gut überstanden hat. Von hier an fuhr ich durch dünn besiedeltes Gebiet entlang der Autobahn nach Baza. Nur kleine, fast verlassene Dörfer und Siedlungen. Früher führte eine Landstraße durch die verschiedenen Flusstäler. Eine klassische, recht anstrengende „Flüssetour“. Es gab Restaurants und Tankstellen, eine richtige Infrastruktur entlang der Strecke. Die Autobahn hat aber dieses Leben so gut wie verdrängt, jetzt sind lediglich noch die alten und verfallene Gebäude zu sehen.
Beim Verlassen von Baza fand ich keine andere Möglichkeit und fuhr ein Stück auf der Autobahn. Wie ich später feststellte, gab es aber eine alte Bahnlinie, die für Radfahrer mit viel zu viel Schotter präpariert wurde. Es war eine Schinderei, das schwere Rad sank viel zu tief ein. Trotzdem quälte ich mich durch die Hügel, fuhr durch einen alten Eisenbahntunnel bis es dann gar nicht mehr weiterging. Am Ende schlängelte ich mich über Stock und Stein auf den alten Versorgungsstraßen der Autobahn, entlang nach Guadix. Durch mein hin und her auf den Schotterpisten, kam ich immer wieder an den verschiedensten Wohnhöhlen vorbei. Kleinode, abseits der Zivilisation, in welchen sich der Ein oder Andere eine Oase der Ruhe geschaffen hat. Die Umwege haben sich daher gelohnt
Von Guadix nahm ich eine Nebenstraße, immer aufwärts nach La Peza, ein kleines Dorf am Rande der Sierra Nevada. Von hinten kam ich dann auf meinen höchsten Pass dieser Tour, dem Puerto des Blancares auf 1440m.
Die Abfahrt vom Pass hinunter nach Granada war wieder einmal ein Augenschmaus und landschaftlich ein Höhepunkt. Erst auf den Schotterpisten, dann auf die kleine Passstraße, die sich durch Pinienwälder abwärts schlängelte. Schon früh kamen mir die ersten durchtrainierten Rennradler entgegen.
Bis Granada ging es nur abwärts und so war ich schon gegen Mittag in der Stadt. Bei einer kurzen Pause im Stadtpark gabelte mich José auf. Er kannte einige der spanischen Reisrad-Eliten. Damit hatten wir gemeinsame Bekannte und so einiges an Gesprächsstoff. Eigentlich hatte er keine Zeit, sein Vater ist vor kurzem gestorben und er musste sich um seine Mutter kümmern. Trotzdem ließ er es sich nicht nehmen mir etwas über die Stadt zu erzählen und mich in die süßen Köstlichkeiten, die „Pio Nono“ einzuweihen.
Mir reichte es sogar am späten Nachmittag auf die Alhambra. Eines der meist besuchten Orte Europas. Es war eine Burgstadt, die von den Mauren zur Zeit der arabischen Machthaber erbaut wurde. Die Einflüsse sind heute noch in der Architektur und der Kunst zu finden. Bis zum Ende der herrschenden Mauren, im 15ten Jahrhunderts, entwickelte sich die Region zu einem florierenden Wirtschaftsstandort. Die qualitativ hochwertige Handwerkskunst war in ganz Europa einzigartig und sehr gefragt.
Leider hatte ich nicht viel Zeit für diesen geschichtlich sehr interessanten Ort. Aber spontan kam man leider nicht in das Innere der Anlage, da bei dem Touristenandrang die Karten im Vorfeld reserviert werden mussten.
Für meinen letzten Abschnitt nach Málaga nahm ich wieder die Abkürzung durch die Berge, über ‚Alhambra de Granada‘. Es gab nochmal einiges an Höhenmeter zu kurbeln, bevor ich in Ventas del Zafarraya aus den Bergen an das Meer gespuckt wurde. Es ging ein langes Tal hinunter nach Velez – Málaga. Oben wurde noch viel Gemüse, wie Tomaten und Bohnen angebaut. Weiter unten durchquerte man großflächig angebaute Advocado Plantagen.
Jetzt war es nicht mehr weit und ich schlängelte mich am Wasser entlang durch die Touristen Hochburgen. Mit jedem Meter wurden es mehr Badegäste aller Altersklassen.
Nach den knapp zwei Wochen im Sattel, habe ich erneut festgestellt, wie Landschaft Untertan gemacht wurde. Je nach Gegend, endlose Orangen-, Mandel- oder Avocado Plantagen. Von den kilometerweiten Olivenhainen ganz zu schweigen. Die Gebiete sind trostlos. Es gibt nur wenig Leben auf den bewirtschafteten Feldern. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass diese Unmengen an Erzeugnissen konsumiert werden. Zudem sind viele der Anlagen verwahrlost und werden nicht mehr bewirtschaftet. Wälder, die diesen Namen verdienen, habe ich fast keine gesehen. Wenn, sind diese als geschützte Gebiete ausgewiesen und sehr klein. Meistens Landstriche, die aufgrund ihrer Topografie, wie Felsen oder zu steil, keine Landwirtschaft zulassen.