Carpe Diem

Bevor ich meine Radtour in Malaga vorerst beendete und die Reise auf einer Segelyacht fortsetzte, verbrachte ich ein paar Tage in der Stadt. Die Zeit konnte ich nutzen und das ein oder andere für die Weiterreise organisieren. Es war immerhin für längere Zeit das letzte Mal auf europäischem Festland.
Es gab, neben der Hafenpromenade eine hübsch anzusehende Altstadt, mit vielen Restaurants und kleinen Läden, die einiges an Handwerkskunst aus Andalusien zu bieten hatten. Meistens waren es Lederwaren, wie Schuhe, Gürtel oder auch Taschen. Die Anzahl der Touristen war jedoch sehr hoch, die Innenstadt war geflutet mit Winterflüchtlingen aus den nördlicheren Regionen Europas.
Die Römer hatten in der Gegend ihre Spuren hinterlassen. Ein Theater aus dieser Zeit ist unterhalb der alten Burgfestung Alcazaba, mitten in der Stadt anzusehen. Das Geburtshaus von Pablo Picasso dient ebenso als Tourismusmagnet und sorgt für steten Zustrom an Besuchern der Stadt. Selbst „sparte“ ich mir das alles und schlenderte lediglich durch die Stadt. Bei Radlern liegen die Prioritäten anders, :).
Die „Carpe Diem“, eine „Sun Odyssee 519“ Segelyacht mit 55 Fuß, lag in Ballmadena, etwas weiter südlich von Malaga im Yachthafen. Die 20km von der Innenstadt bis zu dem extrem touristischen Badeort waren meine vorerst letzten Radkilometer auf europäischem Boden. Die Fahrt durch den dichten Verkehr und den unübersichtlichen Schnellstraßen am Flughafen, lag auf der untersten Spaßscala. Für einen Radl – Abschluss hätte ich mir etwas schöneres vorstellen können.
Nachdem ich mich durch die Touristen Massen geschlängelt hatte und schließlich in der Marina ankam, hörte ich meinen Namen aus einem Dingi im Hafenbecken rufen. Es war der zukünftiger Skipper auf dem Weg zu seinem Schiff an der anderen Molenseite. Ein Tourenradler im Hafen fällt eben auf. Bis auf ein Mitglied war die Crew dann komplett. Wir organisierten den Einkauf und das Verladen unseres Gepäcks bzw. der Verpflegung. Für die nächsten Wochen kauften wir Bier (200 Dosen), Wein und Lebensmittel bei Lidl, das Geld sollte ja schließlich im ‚Ländle’ bleiben. Mein Rad zerlegte ich auf dem Kai, wickelte es erneut in Frischhaltefolie und packte es in die Koje des Skippers. Für Ihn war es kein Problem mit meiner Shurly zu nächtigen. Wie ich mit der Trennung zurecht kommen soll, wird sich zeigen,:).
Bei dem ersten gemeinsamen Abendessen in einem Strandrestaurant beschnupperten sich die jetzt vollständige Crew. Schon am nächsten Morgen um 4 Uhr sind wir in Richtung Gibraltar ausgelaufen. Die meistens haben es verpennt.
Bereits am Nachmittag hatten wir den berühmten Felsen umrundet und legten in La Linea, auf der Spanischen Seite an. In kleiner Gruppe nutzten wir die paar freien Stunden, schlenderten über die Grenze und reisten in England ein. Wer weiß wie einfach das in Zukunft noch gehen wird.
Nach der Überquerung des Flugfeldes, das immer bei dem Start bzw. Landung eines Fliegers gesperrt wurde, nahmen wir uns ein Taxi um den Fels zu erkunden. Das kleine Eiland hatte eine sehr spannende und interessante Geschichte hinter sich.
Wir besichtigten die alten Wehrgänge, die vorwiegend im zweiten Weltkrieg gebuddelt wurden. Ein 500m langer Tunnel ist für die Öffentlichkeit geöffnet und beinhaltet ein kleines Museum, dass die Zeit der britischen Armee im 19 Jahrhundert beschreibt. Insgesamt soll es 52km Strasse im Berg geben. Man stellt sich schon die Frage wie man ein so langes Tunnelsystem in so wenig Fels bekommt? Welche Rolle die Gänge im zweiten Weltkrieg gespielt haben, weiß man anscheinend nicht mehr. Es sollen aber bis zu 50.000 Menschen für zwei Jahre in dem Fels gelebt haben. Das wird einem jedenfalls mitgeteilt. Warum diese allerdings alle an Vergesslichkeit litten und keiner mehr weiß wofür sie da waren, erfährt man leider nicht.
Von oben gesehen hatte man einen herrlichen Ausblick auf die Stadt, die vor gut 20 Jahren etwas gewachsen ist. Holländer trotzten dem Meer durch Landgewinnung neue Flächen ab. Alles außerhalb der Stadtmauer war neues Land. Eine zukünftige Erweiterung ist schon in Planung, wobei es durch die Seegrenze auch hier nicht mehr viel Platz gibt. Interessant ist die Arbeitslosenquote. In Gibraltar liegt diese bei 5%, auf der anderen Seite, in Linea schon bei gut 20%. Möglich wird das durch das britische Steuerparadies, das mit niedrigen, bis zu keinen Steuern, Unmengen online Spielkasinos und andere Glücksspielfirmen anlockt. Der Tourismus spielt sicher auch eine Rolle, aber der Wohlstand des Felsens hängt zum größten Teil von Firmen, die hier lediglich einen Briefkasten besitzen, ab.
Beeindruckend war die riesige Grotte „Grotte de Saint Michael“ in der hin und wieder Konzerte veranstaltet wurden. In einer großen Halle der Höhle gab es eine Bühne und Bestuhlung. Wie es aussah wurden die Stalaktiten mit einer Art Betonschicht besprüht und gaben, in Kombination mit der künstlichen, mehrfarbigen Beleuchtung, der Grotte ein sehr spezielles Ambiente.
Den berühmten Affen begegneten wir am Berg überall. Fordernd und frech bestiegen sie das Taxi, setzen sich auf die Motorhaube und sprangen auf den Rückspiegel. Unser Fahrer, ein seit Generationen ansässiger Gibraltarer, kannte seine Pappenheimern. Er begrüßte die Affen mit einem „high Five“ und bedankte sich mit einem Nüsschen. Insgesamt gibt es ca. 250 Affen, die alle registriert sind und kontrolliert werden. Ursprünglich kamen sie von Piraten, die sie vor langer Zeit aus Marokko als Maskottchen über die Meerenge gebracht hatten und sich um laufe der Jahre vermehrt haben.
Unser nächster Halt war Madeira, was für uns ein Trip von fünf Tagen auf hoher See bedeutete. Vor dem Auslaufen bunkerten wir noch Diesel zu einem Spottpreis von 70 Cent der Liter in Gibraltar. Bei dem Preis füllten wir auch alle unsere Ersatzkanister an Bord.
Die Straße von Gibraltar, mit den vielen Tankern und Frachtschiffen um uns herum, war schnell passiert. Noch um den Leuchtturm in Tarifa und wir waren draußen. Leider waren wir etwas spät dran und konnten uns nicht alleine von der Strömung in den weiten Atlantik ziehen lassen.
Durch das Wachsystem verschwommen die Tag,- und Nachtstunden. Wir haben uns für 3 Stunden Tagschicht und 2 Stunden in der Nacht geeinigt. Die Wachen wurden immer zu zweit, mit einem Wachhabenden und einem ‚stand by‘ gegangen. Das System lief durch, mit der Folge, dass man immer zu unterschiedlichen Zeiten Dienst hatte. Der Wachhabende übernahm nach seiner Schicht die Position des ‚standBy’s‘ für seinen Nachfolger. Damit ergaben sich maximal 5 Stunden Dienst am Stück.
Gerade die Nachtschichten konnten etwas zäh sein. Wobei sich teilweise interessante Gespräche mit den unterschiedlichen Charakteren an Board ergaben. Das Ganze noch unter einem von Fremdlicht befreiten und beeindruckendem Sternenhimmel. So klar wie über dem Atlantik bekommt man das Himmelszelt nur selten zu sehen. Aber schon in der ersten Nacht waren wir umzingelt von Gewittern. Prompt schlug auch in der ersten Nacht, nicht weit von uns der Blitz ein und die Systeme wie Autopilot, das GPS und die Winddaten am Steuerstand fielen aus. Als wir uns das am nächsten Tag die Geschichte untersuchten lag das Problem wohl am Funkgerät, dass am Bus angeschlossen war und dessen CAN Transceiver durch die EMV abgeschossen wurden und eine Kurzschluss erzeugten. Damit klemmten wir es einfach ab und alles lief wieder. Mein wortloses Grinsen im Gesicht hat unseren Skipper sehr irritiert, aber ich konnte als Vectorianer einfach nicht anders, :-).
Die Tierwelt war überschaubar. Delphineschulen verfolgten uns kurz, schwammen parallel zum Boot und verschwanden wieder. Kleine Narrwale sahen wir ebenfalls. Unsere Angel Bemühungen blieben dagegen erfolglos. Wir badeten lediglich verschieden Blinker an zwei Langleinen, die wir am Boot hinter herzogen. Die Thunfische oder Goldmakrelen fielen auf unser Vorfach nicht herein. Vielleicht waren sie auch einfach nicht da?