Weihnachten an Bord

Die Weihnachtszeit ist vorüber und das “normale” Schiffsleben hat einen wieder. Noch ist es auf dem Schiff ruhig, über die Feiertage haben immerhin 120 Leute das Schiff verlassen. Es gibt keine OPs, damit läuft alles auf Halbmast. Die Aufenthaltsräume sind verwaist und auch in der IT ist es sehr ruhig.
In Dakar selbst gibt es ab jetzt die Tannenbäume, sowie Lichterketten und geschmacklich grenzwertige Baumkugeln zum Ramschpreis. Überhaupt ist die Dekoration in der Stadt sehr „speziell“. Wirken die Tannenbäume hier sowieso fehl am Platz, sind die Dinger aus Plastik, die einem die Verkäufer auf der Straße entgegenhalten, einfach nur grausam. Aber aus welchen Gründen auch immer, wird im Senegal Weihnachten in irgendeiner Form zelebriert. Ganz dahinter gestiegen bin ich jedoch noch nicht.
Unsere kleine deutsche Gruppe dagegen hat es tatsächlich geschafft, wenigstens ein paar Plätzchen zu backen. Ein etwas “zähes” Projekt, aber immerhin! Es gab im weitesten Sinne “Ausschtecherle”. Mit Lebensmittelfarben und quitschebunter Deko. Das Ingwerbrot dagegen wurde etwas besser. Aber vor-weihnachtliche Stimmung kam einfach nicht auf. Das sonnige Wetter und die 30 Grad taten sicher ihr übriges. Es war halt ein Versuch „Heimatgefühle“ loszutreten, ;-).
Eine kleine “Sonderaufgabe” bekam ich am 24sten zugeteilt: Frisch angereiste Australier wollten etwas von Dakar sehen. So zog ich los und zeigte ihnen das nähere Umfeld. Wir gingen auf den Markt, wo ich sofort von einem meiner “Freunde” umzingelt war. Wir wurden erneut in die kleine Manufaktur, die Shirts, Röcke oder auch Taschen in den traditionellen Farben schneidert, geleitet. Es gab eine kleine Führung, wir konnten uns alles Mögliche ansehen und wurden fast verdonnert etwas zu erwerben. Aber wir schafften es tatsächlich, ohne Einkauf das Gebäude zu verlassen. Zur Feier des Tages gönnten wir uns anschließend ein kleines (Weihnachts,-) Essen im Institut für französische Sprache. Ein schönes Plätzchen mitten in Dakar. Man muss durch eine Security Schleuse, wie am Flughafen und betritt danach eine komplett andere Welt. Ein kleiner Park mit Bühne und nettem Restaurant. Lediglich getrennt durch eine Mauer zur Innenstadt. Diese Art von “Blasen”, wie ich sie nenne, gibt es in Dakar öfters. Hier trifft sich das etwas gehobenere Klientel der Stadt. Die Preise sind ähnlich den europäischen und das Essen in der Regel gut. Für den Großteil der Einheimischen dadurch aber nicht erschwinglich. An diesen Orten wird einem extrem bewusst, was für eine Zweiklassengesellschaft in dieser Stadt herrscht.
An Heiligabend gab es in der „Lounge“ des Schiffes einen fröhlichen Gottesdienst, kein Vergleich zu dem in einer deutschen Kirche. Es wurde getanzt und gesungen, afrikanisch angehaucht eben. Da viele Amerikaner an Bord waren, schauten wir im Anschluß einen amerikanischen Weihnachtsklassiker in unserem “Bordkino”. Durch das IT-Büro in Texas hatte ich auch einiges an Junkfood dabei und nutze die Gelegenheit dieses an die Kinobesucher zu verteilen. Was weg war, war weg, 🙂
Am ersten Weihnachtsfeiertag wird an Bord das eigentliche Weihnachten gefeiert. Das Restaurant wurde festlich geschmückt und die Crew putzte sich heraus. Das Fest wurde in Form eines großen Brunches zelebriert. Die Crew aus der Küche hatte ein arbeitsreiches und taffes Programm. Zum Dank gaben die Gäste ein “standing Ovation”, als alle Beteiligten durch das Restaurant schritten.
Da unsere Bäckerin ebenfalls komplett “unter Wasser” war, verbrachte ich die Morgenstunden und den Vormittag des Tages in der Backstube. Brötchen und Baguette backen, stundenlang den Nachtisch dekorieren und anrichten. Hin und wieder mussten wir etwas improvisieren, da immer noch ein Container mit Lebensmittel im Zoll fest hing. Aber man ist ja schließlich kreativ! Jedenfalls war es Weihnachtsbacken in reinster Form! Aber es hat sich gelohnt! Pünktlich zum Weihnachtsbrunch war alles fertig und wir hatten einen Riesenspaß dabei. Das Buffet war zum brechen voll. Mit viel Obst und anderen Delikatessen! Seit Monaten bekam ich mal wieder europäischen Käse. Schafskäse, Emmentaler, Camembert und anderen Schimmelkäse! Dinge, die bei uns schon fast normal, hier aber eine echte Ausnahme waren!
Am Nachmittag fuhr eine MercyShip Delegation in das nahe gelegene HOPE Zentrum, zu den Patienten. Wir hatten an alle etwas zu verteilen, es war Bescherung. Ganze zweimal durfte ich den Weihnachtsmann spielen. Die Kids und die entsprechende Bezugsperson, bekamen jeweils eine Geschenktüte überreicht. Für die Kinder gab es Buntstifte, Solartaschenlampen oder Kalender, je nach Altersgruppe sortiert. Die Erwachsenen erhielten Hygieneartikel oder auch Stoff als Meterware. Ein paar Kleinigkeiten, die aber leuchtende Augen und Dankbarkeit in die Gesichter zauberte. Tja, hier war es noch einfach, Freude zu verteilen. Bei den Kids in Deutschland muss es dagegen schon eine Gitarre, ein Piratenschiff, oder ein ferngesteuertes Auto sein. Je größer, desto besser.
Nach dem Verteilen der Geschenke, fing plötzlich jemand zu trommeln an. Der Rhythmus startete und die Frauen tanzten Sabar, einen westafrikanischen Tanz. Auch wir, die “Nikoläuse” kamen nicht herum, wurden in die Mitte des Kreises gezerrt und mussten ein paar unbeholfene Schritte tun. Am Ende war es ein schöner Nachmittag, der auch durch die Tatsache, dass ich meinen Fahrradschlüssel verloren hatte und zum Schiff joggen musste, nicht getrübt werden konnte. Auch an Weihnachten macht Murphy keine Pause, denn bei Fahrradschlössern mit Schlüssel geht es letztlich nur um den Zeitpunkt, wann und wo man zum Fußgänger wird, :-).