Warten auf Sal

Die eigentliche Fähre lag im Trockendock in Mindelo. Seit Monaten gab es immer wieder technische Probleme. Der Fahrplan war daher extrem unregelmäßig. Ein paar mal vertröstete mich die junge Dame im Hafen um mir den genauen Abfahrtstag zu nennen. Am 14.11. aber war es dann soweit. Morgens um 630h schob ich mein Rad über die Rampe in den Laderaum des Speed Boats.
Einer der Arbeiter, der alles verzurrte, fragte mich woher ich denn die Wasserflasche am Rahmen hatte. „Aus Spanien“, antwortete ich, ohne es genau zu wissen. Ich nahm beim ausräumen der Carpe Diem einfach einer der restlichen Flaschen aus der Bilge. „Falsch!“ War die forsche Bemerkungen. „Das ist das gute Wasser aus Kroatien! Er kennt es, schließlich ist er Kroate“. „Woher kommst Du?“, wollte er anschließend wissen. „Du siehst nicht kroatisch aus“. Wie sehe ich denn aus?“, fragte ich zurück. „Na Spanisch!“ – tja, ich löste das Rätsel auf und so kamen wir ins Gespräch.
Die Fähre war nur ausgeliehen. der Betreiber eine deutsche Firma, der Kapitän ebenfalls und ein Großteil der Crew kam aus Kroatien. Denn das örtliche Boot fährt immer noch nicht. Aber witzig, jetzt hat die Carpe Diem sogar kroatisches Wasser auf die Kapverden importiert.
Wir fuhren nochmal über San Antao und San Nicolai auf die Insel Sal. Ausgebucht war die Überfahrt nicht, der Laderaum aber mit säckeweise Lebensmittel der regionalen Bauern gefüllt.
Im Passagierraum gab es drei Angestellte, die ständig beobachteten wem es gerade schlecht ging. Im Fall der Fälle konnte man sie mit ihren Spucktüten heran winken. Nach einer Stunde Fahrt mit knapp 30 Knoten hatten sie dann auch einiges zu tun. Nach drei Wochen auf dem Atlantik konnte mir das Geschauckel aber nichts mehr antun und so vesperte genüsslich die Lebensmittelreste unserer Überfahrt.
Die Fährverbindung war schnell und am Ende fast auf die Minute pünktlich. Der Fährhafen lag im Norden, in Palmeira. Ein Mitsegler verweilte eine gute Woche, in dem südlich gelegenen Touristenort Santa Maria. Damit nutzte ich die Gelegenheit und durchquerte die ganze Insel mit dem Rad. Nach knapp 30km erreichte ich dann auch schon den Ortseingang. Die Autowaschjungs, die mit ihren Bürsten und Wassereimern am Straßenrand auf Kundschaft warteten, standen bei meinem Eintreffen spalier. Viele Reiseradler wird es hier wohl nicht geben und so machten sie eine „Willkommenswelle“. Wenn man so freudig empfangen wird, kann es ja nur gut werden, dachte ich mir.
Es dauerte eine Weile bis ich meine Unterkunft gefunden hatte. Vermutlich wollte ich es auch einfach nicht wahrhaben, dass ich mitten in der Fußgängerzone, der „Partymeile“ gelandet bin. Ein ungemütliches, müffeliges Loch, aber ich konnte wieder mein Rad auf das Zimmer nehmen. Es waren ja nur zwei Nächte angedacht.
Mit Niklas, meinem Kojenpartner von der Carpe Diem, hatten wir ein nettes Wiedersehen! Er war schon ein paar Tage auf der Insel und kannte sich recht gut aus. Viel gab es ja nicht zu sehen. Er empfing mich gleich mit “seinem” Harem, einer österreichischen Frauengruppe, die zum Urlaub eine Woche auf der Insel waren. Wir hatten einen lustigen Abend in einem mittelschlechten Restaurant direkt am Strand.
Die Tourstenstadt war eher ein Fluchtort für europäische Sonnenhungrige, die dem Winter entflohen. Wobei dieses Klientel sich vorwiegend auf den ortsansässigen Strand oder den Dorfkern konzentrierte. Ein wenig außerhalb, an der nord,- östlichen Küste gab es eine Kite Revier. Dafür ist die Insel ebenfalls bekannt, aber die Anzahl der “Kiter” war überschaubar.
Die Baustellen der pleitegegangen Firma Thomas Cook sind etwas abseits des Zentrums wobei jegliche Tätigkeiten komplett zum erliegen gekommen sind. Die Schwimmbäder vor den Bungalows waren zum Teil schon fertig gestellt, die Häuser dagegen nicht. Wieder ein paar Bauruinen mehr am Strand. Sal ist das, was Teneriffa vor gut 20 Jahren war. Es herrscht Goldgräberstimmung im Baugewerbe. Aber was treibt die Firmen auf einer “toten” Insel, die kein Wasser, keine Landwirtschaft, keine Sehenswürdigkeiten, sondern nur Sand und Sonne hat, zu investieren? Hinzu kommt die weite Entfernung zu Europa… eine verrückte Welt.
Niklas buchte einen Kite Kurs. In seinen Surf-Pausen genossen wir das Treiben am Strand oder in der Innenstadt und beobachteten amüsiert die Leute. Am liebsten mit einem Bierchen in der Hand. An zwei Nachmittagen aber überkam es uns und wir wanderten über die Salinen zu den vermüllten Stränden im nördlichen Teil. Kaum bewegte man sich nicht an den klassischen HotSpots, sah es teilweise grusselig aus. Aber letztlich war es einfach so: Wenn man nicht gerade Wassersport machte, war die Insel maximal langweilig. Da halfen auch die Stangen nichts, die als Kennzeichnungen von Golfgreens einfach zwischen den Dünen in den Sand gesteckt wurden und einen “Golfplatz” darstellen sollten. Letztlich war das nichts anderes als ein großer Bunker.
Einen kleinen Schock gab es noch, als mein Flug um einen Tag verschoben wurde. Leider genau über das Wochenende. Es war schwierig eine Unterkunft zu finden, da vieles ausgebucht war. Die sympathische Dame eines Bed & Breakfasts hatte aber mit mir und meinem Fahrrad Mitleid. Die Unterkunft besaß eine Bar mit einem dahinter liegendem Raum. Sie öffnete die Tür und e Voila – ein schnuckeliges, kleines Zimmer kam zum Vorschein. Ich bekam einen Sonderpreis, da es nur ein winziges Fenster gab. Tja, und wer kann schon von sich behaupten, in gerade mal zwei Meter Abstand zu einem Zapfhahn übernachtet zu haben!
Nach knapp einer Woche auf den Kapverden bekam ich schon einen Vorgeschmack auf das, was mich erwarten würde. Die Uhren gehen anders als in Europa. Die Zeit hat eine andere Bedeutung. Das Lauftempo ist gemächlicher und auf den Märkten wird erwartet, daß man um den Preis feilscht. Die Bevölkerung auf den Inseln war extrem hilfsbereit und einfach nett im Umgang.
Am letzten Tag auf der Insel packte ich mein Rad zusammen und radelte in der Abenddämmerung zum Flughafen. Mein Flug ging mitten in der Nacht. Für die nette Dame am Check in war es das erste mal, dass sie ein Fahrrad als Gepäckstück aufnahm. Entsprechen unbeholfen ging es von statten. So musste ich es wiegen, was keiner verstand, aber in irgendeiner Checkliste stand. Insgesamt ging das zerlegen und das einchecken so harmlos von statten, wie selten zuvor. Mein Flug war der letzte an dem Abend und nachdem alle Europäer abgeflogen waren, gab es nur noch einen überschaubaren Haufen im Sicherheitsbereich, die in das “richtige” Afrika flogen.